Executive Insights by Lectra

„Digitalisierung setzt bei der ersten Design-Idee an“

Holger Max-Lang, Geschäftsführer Lectra Deutschland, über die Folgen der Digitalisierung für deutsche Modemarken und die Frage, wie Mode in Zukunft gemacht wird.

Lectra Geschäftsführer Holger Max Lang web

Herr Max-Lang, sind deutsche Unternehmen der Bekleidungsbranche gut gerüstet für die viel zitierte Digitalisierung?

Viele Unternehmen der Branche haben bereits den ersten Schritt in die richtige Richtung getan, indem sie Digitalisierungs-Strategien auf- und umgesetzt haben, was den Verkauf ihrer Produkte angeht. Zwar haben viele Bekleidungsanbieter ihre Online-Aktivitäten ausgelagert, indem sie ihre Online-Shops von Partnern betreiben lassen. Aber es ist immerhin ein Anfang, sich damit auseinanderzusetzen, wie die Ware den Verbraucher erreicht. Doch das reicht noch nicht: Unternehmen müssen auch in die andere Richtung denken, in die Vorstufe hinein: Wie erreicht die Ware, nachdem sie entworfen und entwickelt wurde, rasch den Produzenten, wie den Lagerort? Wie lassen sich Produktion und Stückzahlen besser auf den zu erwartenden Verkauf abstimmen? Wie Risiken sprich Abschriften minimieren?

Was ist die Voraussetzung dafür?

Voraussetzung ist die Digitalisierung von Anfang an. Die Digitalisierung ermöglicht es, dass der gesamte Prozess, also alle notwendigen Schritte vom Entwurf eines Bekleidungsstückes bis hin zur Produktion, der Auslieferung und dem Verkauf komplett digital angelegt, transparent abgebildet und gesteuert werden kann, und zwar ohne Medienbruch. Die dafür notwendige Technologie, bei der die Marke und ihr Produzent ihre Daten auf einer einzigen Plattform zur Verfügung stellen und austauschen, steht längst zur Verfügung.

Ideal wäre es natürlich, nur noch das zu produzieren, was auch verkauft wird. Ist das Zukunftsmusik?

Nein, auch dies ist bereits möglich und in anderen Branchen, etwa der Polstermöbelindustrie, längst üblich. Die Menschen, die bereit sind, auf ein bestelltes Sofa drei Monate oder länger zu warten, werden immer weniger, und darauf haben Möbelanbieter reagiert, indem sie hoch moderne Fertigungsanlagen entwickelt haben. Sie können dort kundenindividuell und trotzdem schnell produzieren. Dies wird sich auch in der Bekleidungsproduktion immer mehr durchsetzen. Es wird nur noch das produziert, was auch verkauft werden kann. Und man bedenke die positiven Nebeneffekte: Die Margen sind höher, weil die Rabatte niedriger sind. Und die Ressourcen und damit die Umwelt werden geschont.

Das heißt, es wird künftig gang und gäbe sein, sich innerhalb weniger Stunden ein Kleidungsstück nach Maß schneidern zu lassen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass „made to order“ bzw. „made to measure“ künftig noch wichtiger werden, dass die Zahl der kundenspezifischen Angebote deutlich zunehmen wird. Augmented Reality-Technologien für die Anprobe zu Hause werden dabei eine wichtige Rolle spielen. Bereits heute ist es möglich, in kürzester Zeit individuell angepasste Kleidung zu produzieren – je nach Art des Kleidungsstücks in zwei, drei Tagen oder sogar innerhalb weniger Stunden. Ein wichtiger Punkt ist in diesem Zusammenhang auch der Fortschritt der digitalen Textildrucktechnik, wo die Entwicklung in den letzten Jahren geradezu explodiert ist und sich voraussichtlich noch fortsetzen wird.

Aber handelt es sich nicht immer um Nischenprodukte? Je kleiner die Stückzahlen, umso höher der Preis.

Mode nach Maß ist mittelfristig sicherlich kein Thema für den Massenmarkt. Doch es ist bereits heute möglich, individuelle Produkte industriell herzustellen. Man denke nur an Sportschuhe, die man nach individuellen Vorgaben innerhalb kurzer Zeit in Deutschland fertigen lassen kann. Oder Ski-Schuhe, die oft individuell angepasst werden. Es wird sich aber immer um Premium-Produkte handeln, für die die Konsumenten bereit sind, etwas mehr Geld auszugeben.

Sind sich Unternehmen der Bekleidungsbranche eigentlich durchweg der Möglichkeiten bewusst, die ihnen digitale Technologien bieten?

Leider nur selten. Bis auf wenige Ausnahmen sehen die meisten Verantwortlichen in der Bekleidungsbranche Digitalisierung vor allem als Möglichkeit, administrative Tätigkeiten schneller auszuführen. Sie sind sich nicht darüber im Klaren, dass sich zum Beispiel sämtliche Produktionsprozesse – von der ersten Design-Idee über den Zuschnitt bis hin zur Produktion – komplett digital abbilden lassen und welche enormen Chancen darin liegen. Es liegt zum Teil natürlich auch daran, dass die wenigsten Fashion-Anbieter heute noch über eigene Produktionsstätten verfügen, sondern mit Herstellern in Osteuropa zusammenarbeiten, die zum Teil völlig unzulänglich ausgestattet sind. Aber viele Unternehmenslenker haben auch schlichtweg keine Vision, wie sie mit dem Thema Digitalisierung umgehen sollen. Das erleben wir leider täglich.

Was ist also zu tun?

Digitalisierung ist Chefsache. Und erfordert eine klare Strategie. Unternehmen müssen sich mehr denn je fragen: Wo wollen sie in fünf Jahren stehen? Welche Zielgruppe wollen sie bedienen und mit welchen Produkten? Mit welchen Partnern können diese Ziele erreicht werden – und muss deren Zahl nicht womöglich reduziert werden? Und natürlich auch: Welche Investitionen sind notwendig – und bis wann sollen diese gewinnbringend sein? Wer im Wettbewerb bestehen will, wird an solchen grundsätzlichen Überlegungen nicht vorbeikommen. Der Markt ändert sich so rapide und wird sich weiter bereinigen. Nur Unternehmen, die Digitalisierung konsequent umsetzen, haben eine Chance.